Gedichte Texte

Sonntag, 26. Oktober 2008

Hermann Hesse - Stufen

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindung zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten!

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt,
so droht Erschlaffen!

Nur wer bereit zu Aufbruch und Reise,
mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.
Es wird vielleicht auch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden:
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Dienstag, 5. August 2008

"Worte wie Muscheln" von Anne Morrow Lindbergh

Manchmal sind es die Abweichungen vom Geplanten, die das Leben bereichern.

Ich wollte heute eigentlich nur in die Wohnung fahren um mal wieder eine Autoladung mit Sachen zu holen und doch verlief der Nachmittag etwas anders.

Ein Abstecher nach Hallein hat mich zu einem Bücherflohmarkt geführt. Wie kann man sich sowas auch entgehen lassen, wenn man es liebt durch Kisten von Büchern zu stöbern, die alle zum Preis von einem Euro zu haben sind?

Irgendwo zwischen uralten Sachbüchern, mir unbekannten englischen Autoren und 2 Kisten mit Büchern zu jeweils einem bestimmten Jahrestag, habe ich das Buch "Worte wie Muscheln" von Anne Morrow Lindbergh gefunden.

Auch wenn mich der Titel allein schon überrascht hat, so bin ich von den Worten und Texten in diesem Buch erst recht überwältigt!

ein paar Zitate:
"Wenn Leiden an sich lehrreich wäre, wäre alle Welt weise, denn jeder leidet. Zum Leiden müssen Trauer kommen, Verständnis, Geduld, Liebe, Offenheit und der Wille, verwundbar zu bleiben."

"Nicht für den Augenblick, in dem man getroffen wird, braucht man Mut, sondern für den langen steilen Rückweg zur geistigen Genesung, zu neuem Vertrauen und Sicherheit"

"Es ist die Wüste in unserer Seele, das Brachland in unserem Herzen, durch das wir fremd und verloren streifen. Ist man sich selber fremd, dann ist man auch den anderen entfremdet. Ohne Zugang zum eigenen Ich kann man auch keinen Zugang zu anderen finden."

"Ein glücklicher Tag - einer der Tage, an denen sich alles fügt, die Schwierigkeiten sich verflüchtigen. Plötzlich scheint man befreit und unbeschwert. Wie leicht fällt es glücklich zu sein, wie einfach lassen sich all die verschiedenen Gefühle miteinander verbinden. Man findet auf alles eine Antwort, denn man ist furchtlos, wie ein Kind, das in der Straßenbahn Fremden zulächelt. Sie können nicht widerstehen und lächeln zurück. Hat das Verhalten den tag verändert, oder war es das Zusammentreffen der verschiedenen Umstände?"

Mittwoch, 16. Juli 2008

Peter Rosegger - Schon dreißig Jahre bin ich alt

Schon dreißig Jahre bin ich alt,
Und noch allein geblieben.
Und seh' die Knaben mannigfalt
Wohl ihre Schätzlein lieben.

Ich seh', wie sie sich froh einand
Die Hochzeitskränze winden;
Ich wandre durch das weite Land
Und kann meinen Schatz nicht finden.

Ich such' ihn, wo bei Herdesglanz
Die holden Mädlein blühen,
Ich such' ihn, wo bei Kirmestanz
Die Dirnen alle glühen.

Ich seh' die Jahre rascher ziehn
Und fühl' die Jugend schwinden,
Und suche ihn und rufe ihn,
Und kann meinen Schatz nicht finden.

Und sie, bei mir bestimmt muss sein
Für meine Lebensfahrten,
Wir irgendwo allein, allein
Mit Bangen auf mich warten.

Der Alte hier, die Alte dort
Wird einsam einst begraben,
Zwei, die sich treu und heiß geliebt
Und nie gesehen haben.

Sonntag, 29. Juni 2008

Georg Trakl - Die schöne Stadt

Alte Plätze sonnig schweigen.
Tief in Blau und Gold versponnen
Traumhaft hasten sanfte Nonnen
Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen
Schaun des Todes reine Bilder,
Großer Fürsten schöne Schilder.
Kronen schimmern in den Kirchen.

Rösser tauchen aus dem Brunnen.
Blütenkrallen drohn aus Bäumen.
Knaben spielen wirr von Träumen
Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,
Schauen scheu ins farbige Leben.
Ihre feuchten Lippen beben
Und sie warten an den Toren.

Zitternd flattern Glockenklänge,
Marschtakt hallt und Wacherufen.
Fremde lauschen auf den Stufen.
Hoch im Blau sind Orgelklänge.

Helle Instrumente singen.
Durch der Gärten Blätterrahmen
Schwirrt das Lachen schöner Damen.
Leise junge Mütter singen.

Heimlich haucht an blumigen Fenstern
Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.
Silbern flimmern müde Lider
Durch die Blumen an den Fenstern.

Welcome to my life

"Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie" (Erich Kästner)

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